Kochen wie im (Winter)Märchen – Versuch einer Kritik

Apfel-Sellerie-SchaumsüppchenKürzlich bin ich in der weiten Welt des Web über einen Artikel gestolpert, welcher ‚Restaurantkritik‚ zum Thema hatte und in dem behauptet wurde: Kritik, bei welcher der Verfasser selbige kaum oder nur zaghaft ausübe, sei wertlos und werde kaum gelesen. Hm. Schon klar. Auf Schönmalerei steht wohl keiner, denn das käme dann wohl einem klassischen Advertorial gleich und – wer bitteschön will das lesen?!

Ehrliche Kritik war also angesagt. Der ‚Kaltern kocht‚ Abend war in greifbare Nähe gerückt. Nein, diesmal würde ich keine Gnade walten lassen. So schwor ich mir. Ich würde verkosten, prüfen, testen, hinterfragen und die Wahrheit schreiben, nichts als die Wahrheit. Ohne Rücksicht darauf, dass in der ‚Kritik‘, die den von uns gestalteten ‚Österreichischen Abend‘ betraf, höflich das Gummischuhsohlenbraten-Detail zu erwähnen vergessen wurde (Danke an dieser Stelle, der barmherzigen Schreiberin). (-: Auch unser ‚kerniger‘ Nachtisch blieb unbeschrieben. (Dass man Mohn erst mahlen muss, bevor man es zu Mousse verarbeitet, wurde mir erst klar, als mein Tischnachbar mich breit angrinste und ich bemerkte dass Abertausende kleine Mohnkügelchen es sich in seinen Zahnzwischenräumen gemütlich gemacht hatten und von dort auch nicht mehr so schnell wegzubewegen sein sollten. Ich hatte im Kochbuch wohl das Kleingedruckte übersehen.)

Lustige, luftige Watteschneeflöckchen zierten den Tisch. Das Thema des Abends: ‚Ein Wintermärchen‚. Deutschlands Wintermärchen? Hesse oder wie? Aha…das Menü war der ausschlaggebende Punkt: Winterliche Kochkunst. Ein warmknuspriger Gruß aus der Küche gefolgt von einem zauberhaft angerichteten Kartoffel-Apfel-Sellerie-Schaumsüppchen mit Crostini. Flüssigfeines Mousse in orangegoldenen Tellern, rote Apfelspalten am Tellerrand, ein Hauch von Grün. Das Süßsauer des Apfels in Symbiose mit dem zartherben Geschmack der Selleriestängel fand seinen Abschluss in einer dezent scharfen Pfeffernote. Der Start war F. und A. geglückt.

Es folgten die Rote-Beete-Teigtaschen mit Perlhuhnragout. Wäre davon nicht gleich Baby Emils Appetit mit angeregt worden und hätte ich nicht erstmal seine milchflaschigen Bedürfnisse befriedigen müssen, dann hätte ich das Ganze auch warm genießen können und würde jetzt noch mehr davon schwärmen. Leute, von Ragout versteh‘ ich was. Verboten lecker war’s. (lekkeribon!) (-; Einfach zum Sich-davon-überessen-wollen.

‚Verdammt. Wenn die jetzt nicht bald irgendwas verpatzen, hab‘ ich nix zum Kritisieren – und dann wird meine ‚Kaltern-kocht‘-Beurteilung von niemandem gelesen. Wär‘ schade drum. Hm..abwarten. Abwarten. Hauptgänge haben es schließlich in sich (Ich berufe mich hiermit wieder auf meine Gummischuhsohlenbratenerfahrung).‘

Hirschnüsschen an Kartoffelschnee mit Karamelläpfeln. Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, als ich mir die ‚Nüsse‘ eines Hirschen auf einem Teller angerichtet und hübsch dekoriert vorstellte. Dem war natürlich nicht so. Ein perfekt gebratenes Medaillon wartete darauf von mir verzehrt zu werden. Innen schön rosa. Die Kruste obenauf verhalf dem guten Stück zu einem Hauch von Zwiebel und … was war das noch gleich. Klar. Tyhmian. Raffiniert.

Ich hatte übrigens keine Ahnung welche Weine ich da munter und fröhlich zu den verschiedenen Gängen vor mich hin nippte. Schwer waren sie. Und sie passten. Tja und je mehr ich davon zu trinken schien, desto mehr geriet ich ins Schwärmen. Mist. So begeistert sollte ich doch eigentlich nicht sein! Zu spät. Meine ‚Kritik‘ war nun endgültig verloren. Keine Schwachstelle, kein Manko – alles hervorragend organisiert, serviert, dekoriert, blanchiert, püriert, perfektioniert.

Doch dann kam es – das Dessert. Ein hübsches Schicht-Törtchen. Mein Löffel tauchte langsam erst in knallorange Pampelmuse-Creme, bahnte sich sanft gleitend seinen Weg durch die zarte Frischkäsefüllung und – tock!!! – stieß sich plötzlich am Mürbteigboden. Welch Jubilieren! Da war sie – die Chance zur Kritik. Ein knackig-knuspriger-da-zu-lang-gebackener Spekulatiusboden war es also, der meinen Blogeintrag lesenswert machen sollte.

Danke F. und A. – ihr beide seid meine Koch-Idole. Super gemacht!

Ach ja…und danke auch an den werten Leser. Fürs Lesen meiner kritischen Kritik.

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3 Kommentare zu “Kochen wie im (Winter)Märchen – Versuch einer Kritik

  1. Da kann ich nur sagen – schmackhaftes Wortmenu. Und vielleicht waren die Hirschnüsse 48 Sekunden zu wenig im Rohr. Kann sein, muss aber nicht…

  2. Beim Lesen war es fast so als ob ich selbst mit euch am Tisch sitzen würde… Konnte das Essen fast riechen – Kompliment für diese tolle Kritik liebe Ines

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